Frank Elidis
Böse Wölfe
Im Mittelalter hat der Wolf am liebsten kleine Mädchen mit roten Käppchen verspeist. Doch inzwischen stellt sich heraus, dass die schreckliche Bestie in Wirklichkeit ein schreckhaftes Tier ist. Ein schrecklich schreckhaftes Tier mit einem erschreckend schrecklichen Ruf.
Wild ist eigentlich das Gegenteil von zahm. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein wilder Wolf vor lauter Wildheit am liebsten alles in Stücke reißen würde. Je wilder er ist, desto weniger hat er für Menschen übrig. Das mag seltsam klingen, aber das eigentlich Seltsame an der Sache ist der Klang des Wortes wild. Es hat so einen gefährlichen, brutalen Beigeschmack. Aber warum eigentlich? Man spricht auch bei einem Hirsch von einem Wildtier und denkt sich nichts Böses dabei. Der Fuchs, der Dachs, das Zebra, das Känguru - alle sind wild. Sie sind wild, weil sie nicht zahm sind. Aber niemand hält sie deswegen für gefährlich.
An langen und finsteren Winterabenden in der ebenso finsteren Zeit, die dem Mittelalter folgte, erzählten sich die Menschen Geschichten von Hexen und Zauberern, von Zwergen, Kobolden und Riesen, von dunklen Mächten und guten Feen. All diesen Gestalten, die in der Mythologie und in den Märchen lebten, hafteten menschliche Züge an. Sie hatten nicht nur äußerliche Ähnlichkeit mit dem Menschen, sie trugen auch menschliche Wesensmerkmale. Und auch die Tiere, die in dieser Welt, neben der wirklichen Welt, mitwirkten, wurden mit menschlichen Wesenszügen bis hin zu menschlichem Aussehen versehen. (...)
Cornelia Kurth
Die unüberschreitbare Grenze
Micky darf nicht mehr in die Schule gehen. Shy, die graue Wölfin, hat das so bestimmt, und die anderen fünf Wölfe sind ganz einverstanden.
Micky ist der kleinste und zarteste im Rudel der sieben kanadischen Wölfe, der Prügelknabe, den Shy nur zu gerne in seine engen Grenzen verweist. Jedes Mal, wenn Dr. Dirk Neumann das Tor zum Gitterrondell der Wolfsschule öffnet, ist er schon längst abgedrängt und weggebissen. Auch ein gezähmtes Wolfsrudel hat seine unabdingbare Rangordnung. Während die Wölfin und ihre fünf männlichen Kameraden die erlernten Kunststücke zeigen, trollt der Kleine sich ergeben in die äußerste Ecke des weitläufigen Wolfsgeheges.
Dirk Neumann, der erfahrene Tierlehrer, würde sich hüten, da einzugreifen, auch wenn er bedauert, dass er durch diesen Ausschluss einen Schüler verloren geben musste. Er hat alle seine Wölfe eigenhändig mit der Flasche aufgezogen. Er hat ihre individuellen Persönlichkeiten vom Welpenalter an kennen gelernt und ihnen mit ruhiger, unerbittlicher Geduld das angeborene Misstrauen vor dem Menschen genommen. Er hat ihr Vertrauen und ihren Respekt gewonnen, so weit, dass sie, was lange als unmöglich galt, seine Schüler wurden. Aber niemals würde er auf die Idee kommen, sich in das interne Rudelgeschehen einzumischen. Das wäre auch vollkommener Unsinn, sagt er. Ich bin ein Mensch zwischen den Wölfen und nicht etwa so was wie ein Leitwolf. Es ist etwas Wunderbares, dass der Mensch und die Wölfe sich verstehen können, aber zugleich ist da eine unüberschreitbare Grenze. (...)
Home - Unsere Bücher - Sonderangebote/Antiquariat - Bestellung/Liefer- u. Zahlungsbedingungen - Kontakt/Impressum/Hinweise für Autoren