Der Testkauf
Für den Transport von Hunden, Katzen und anderen Tieren gibt es sehr praktische Boxen aus schlagfestem Kunststoff. In manchen Fällen ist es sinnvoll, diese Behältnisse rundum mit der Aufschrift ‚Vorsicht - Lebende Tiere' zu versehen, etwa für die Beförderung im Flugzeug. Die Box, die sich noch in meinem Auto befindet, ist bewohnt und signalrot beschriftet. Diesen knalligen, überdeutlichen Hinweis empfinde ich im Moment als äußerst unzweckmäßig. Es ist Abend, und ich stehe vor einem Hotel in Dortmund. Der Tag war sehr anstrengend, morgen soll ich meinen Fahrgast in München abliefern, da wünscht man sich nur noch Nahrung, Dusche und Bett. Davon trennt mich im Moment leider der Herr an der Rezeption. Tiere sind hier unerwünscht, entnehme ich dem Hotelprospekt. Im Auto soll mein Schützling über Nacht aber nicht bleiben, denn er hat heute viel Schlimmes erlebt und ist leicht verletzt. Da möchte ich ihn doch lieber in meiner Nähe haben. Was hätte ich tun können? Zur Rezeption gehen und fragen, ob noch ein Zimmer frei ist für meinen Affen und mich? Das wäre keine Erfolg versprechende Vorgehensweise gewesen. Folglich verschwieg ich beim Check-in, dass ich nicht solo reise. Vielen Menschen fällt es schwer, auf Situationen, die eine Winzigkeit von der Norm abweichen, souverän zu reagieren. Da muss man dann tricksen und schummeln, obwohl man gar nichts Böses im Schilde führt. Es ist ein jugendlicher Rhesusaffe, den es ins Hotelzimmer zu schmuggeln gilt. Am besten rufe ich die junge Dame von der TV-Produktionsfirma an, die mir das alles eingebrockt hat. Sie könnte ja den Herrn an der Rezeption ablenken, damit der Affe unbemerkt einziehen kann. Irgendwie wird es dann schon gelingen, den Primaten morgen früh ohne Aufsehen wieder aus dem Haus zu bringen. Ich muss ihn ja nicht unbedingt neben mich an den Frühstückstisch setzen (Für mich bitte nur Kaffee, für meinen Begleiter etwas Obst und ein Dutzend fangfrische Heuschrecken). (...)
Agent provocateur
Kleinanzeigen in einschlägigen Fachzeitschriften machen uns stutzig. In Hannover bietet jemand ‚Reptilien aller Art' an. Es müsste doch herauszufinden sein, ob der Inserent es wörtlich meint und eventuell auch mit seltenen und handelsverbotenen Tieren dealt. Kollege Thomas übernimmt die Recherche. Er ist bei uns für Fische, Amphibien und Reptilien zuständig (nebenbei für Pasta und Grappa), ich für Vögel und Säugetiere. Das hat sich so ergeben, weil Thomas begeisterter Aquarianer und der bessere Reptilienkenner ist, während meine ‚Laufbahn' im Vogelschutz begann. Ein Spötter meinte dazu, diese Arbeitsteilung sei bloß auf meine Abneigung gegen unaussprechliche wissenschaftliche Tiernamen zurückzuführen. Wahr ist daran höchstens, dass ich mir Bubo bubo (Uhu) oder Pica pica (Elster) leicht merken kann und Thomas aus rein sprachlichen Gründen nicht darum beneide, sich zum Beispiel Hyphessobrycon erythrostigma (Kirschflecksalmler) oder, auch hübsch, Osteolaemus tetraspis (Stumpfkrokodil) widmen zu müssen. Bald werde ich so ein unaussprechliches Tier im Arm halten und von ihm geohrfeigt werden. Wie gut, dass ich das jetzt noch nicht weiß. (...)
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